Die Kunst der Chinesischen Kalligraphie 28.12.2017

Sie können es schon der Überschrift entnehmen, die Chinesische Kalligraphie ist weit mehr, als eine Ansammlung von Schriftzeichen. Sie ist eine erhabene Kunst, die sich über viele Jahrtausende hinweg immer wieder verändert hat. Nie aber an Schönheit, Ästhetik und Stolz verloren, sondern im Gegenteil, hinzugewonnen hat.

Uns allen ist sie geläufig, jedoch ist den meisten nur wenig über ihre Entwicklung bekannt. Für alle, die ein wenig mehr über dieses wundersam anmutende Kunstform wissen möchten, habe ich ein wenig recherchiert und im Folgenden zusammengetragen. Begeben Sie sich nun mit mir auf eine kleine Entdeckungstour ins Reich der asiatischen Schriftkunst.

Die chinesische Kalligraphie ist das älteste noch gebräuchlichste Schriftsystem der Welt. Forscher konnten die Schriftzeichen bis zur Shang-Dynastie 1600 v.Chr. zurückverfolgen. So fand man in Banpo/China Inschriften, die Ähnlichkeiten mit den späteren Schriftzeichen aufwiesen. Sie sollen der Ursprung der chinesischen Schriftzeichen sein.

Im Laufe der Entwicklungsgeschichte formten sich verschiedene Schriftformen aus. Im Einzelnen unterscheidet man zwischen der

Knochenschrift – Jia Gu Wen – ca. 1600 v. Chr.

Sie stammt aus der Shang-Dynastie. Mächtige ließen sich vor wichtigen Entscheidungen mit Hilfe des Orakels das Schicksal deuten. Hierfür wurden Zeichen in Schildkrötenpanzer oder Tierknochen geschnitzt und diese mit pflanzlichen Pigmenten bestäubt. Dann erhitzte man die Knochen. Dabei entstanden Risse und die Pigmente lösten sich auf. So entstanden neue Risse und Farbverläufe, die vom Zeremonienmeister gedeutet werden konnten.

Große und kleine Siegelschrift – Dai Zhuan und Xiao Zhuan – ca. 1100 bis 200 v. Chr.

Die große Siegelschrift entwickelte sich aus der o.g. Knochenschrift, für sie nutze man schon Bambusblätter als Schriftgut. Ein paar hundert Jahre später hatten sich diese Schriftzeichen schon derart etabliert, dass Philosophen wie Konfizius sich ihrer bedienten, um ihre Gedanken und Überlegungen schriftlich festzuhalten.

Um 200 v.Chr. verfeinerte der Minister Li Si die Siegelschrift derart, dass die Zeichen nun regelrecht elegant und geschwungen anmuteten. So entstand die Kleine Siegelschrift. Dieser Schritt in der Entwicklung der Schriftzeichen war sehr bedeutend.

Kanzleischrift – Li Shu – ca. 200 v.Chr.

Eine Legende besagt, dass ein Gefängnisinsasse seine Zeit damit verbrachte, die damalige Schrift zu verändern. Sein Ziel war es, Dokumente schneller zu erstellen. Er nahm der Kleinen Siegelschrift also die runde Form und einige kleinere Striche hier und da. Die Zeichen waren nun kantiger und somit schneller zu schreiben. Dennoch wiesen sie eine große Vielfalt auf.

Kursivschrift und/oder Grasschrift – Cao Shu – 48 v.Chr.

Wurde von einem Gelehrten der Han Dynastie erarbeitet. Er fügte den Zeichen wieder Rundungen hinzu und verband diese miteinander. Die kursive Form der Kanzleischrift war entstanden. Ihre Zeichen sind fließend und können so recht schnell geschrieben werden. Da sie aus vielen miteinander verbundenen Strichen besteht, wird sie auch die Grasschrift genannt – sie erinnert an Halme. Da beim Schreiben – entgegen allen anderen Schriftformen der Chinesischen Kalligraphie - kaum abgesetzt werden muss, hat sie auch heute noch einen hohen künstlerischen Wert.

Regelschrift – (Wie) Kai Shu – ca. 220 n.Chr.

Sie entwickelte sich aus der Kanzleischrift. Erstmals entdeckt wurde sie allerdings in der Wei-Zeit ca. 250 n.Chr.. Sie weist eine klare Linienführung auf und wirkt in ihrer Grundform regelrecht quadratisch. Bis heute ist sie in China sehr beliebt.

Schnellschrift – (Han) Xin Shu – ca. 220 n.Chr.

Ein Schreibstil, der irgendwo zwischen der Kursivschrift und der Regelschrift liegt. Sie ist die beliebteste Schrift vieler Kalligraphen. Der berühmteste unter ihnen war der Kalligraph und Beamte Huang Xi Zhi, 317 – 365 n.Chr., der mehr als 1.000 Kalligraphien schuf. Seine Kunstwerke titulierte er mit den Worten: „Jeder waagerechte Strich ist ein Wolkenhaufen in Schlachtordnung. Jedes Häkchen ist ein Bogen von großer Spannkraft. Jeder Punkt ist ein Felsen, der vom Gipfel stürzt. Jede Ausbiegung ist ein trockenes Weingerank von hohem Alter. Jeder rasche, frei hingesetzte Strich ist ein Wettläufer am Start.“

So ist in China die Kalligraphie weit mehr als nur schön schreiben – sie ist eine angesehene Kunstform, „shu fa“ genannt, gleichgesetzt mit Malerei, Musik und Literatur. Sie ist sehr populär und schon die kleinsten Kinder müssen sie früh erlernen. Und das nicht nur, weil es eine hochgeschätzten Kunstform ist. Laut dem Dictionary of Chinese Variant Form gibt es im Chinesischen mehr als 100.000 Schriftzeichen. Von diesen sollen der allgemeinen chinesischen Bevölkerung aber nur rund 50.00 bekannt sein. Davon wiederum werden lediglich ca. 7.00 häufig gebraucht. Zudem bestehen die Chinesischen Schriftzeichen aus einem sinn- und einem lautgebenden Teil. So kann ein falsch gesetzter oder weggelassener Strich schon den Wortlaut komplett verändern.

Die chinesische Kalligrafie kann nicht mit dem dagegen doch recht starr anmutenden Schreiben der westlichen Kalligraphie verglichen werden. Sie ist vielmehr ein Zusammenspiel aus Malerei und Bewegungskunst. Jede noch so leichte Handbewegung wird vom Pinsel aufgenommen und spiegelt sich als Emotion im Schriftbild wieder. So bedarf es vor allem Konzentration, innere Ruhe und rhythmisches Feingefühl, um einerseits die Schriftzeichen korrekt und leserlich zu schreiben, sie andererseits aber auch harmonisch darzustellen. Denn auch die Ästhetik spielt in der chinesischen Kalligraphie eine große Rolle.

Um sich nun der Kunst der Schriftzeichen zu widmen, benötigt man die „Vier Schätze des Studierzimmers“, nämlich Pinsel (Bi), Papier (Zhi), Tusche (Mo) und Reibestein (Yan)

Beginnen wir mit dem Papier. Denn schließlich waren es die Chinesen selbst, die 202 v.Chr. das Papier erfanden. Wohl aus dem tiefen Bedürfnis heraus, alles Beobachtete festhalten zu wollen.

Am geläufigsten ist das Xuan-Papier. Der Zusammenschluss verschiedener Pflanzenfasern wie z.B. Rinde, Bambus-, Reis- und Strohfasern machen dieses Papier besonders robust und reißfest. Dabei hat es eine seidig schimmernde Struktur und verfügt über eine gute Saugfähigkeit. Im Handel findet man es oftmals unter der Bezeichnung Reispapier. Was aber nicht ganz korrekt ist. Es enthält zwar Fasern der Reispflanze, aber klassisches Reispapier wird zu 100% aus Reisfasern hergestellt und ist eßbar. So wird es überwiegend in der asiatischen Küche verwendet.

Auch die Tusche ist eine chinesische Erfindung. Sie kam erst im 17. Jhrh. als sehr kostbares Handelsgut nach Europa. Damals ausschließlich in gepresster Form als Reibetusche und mit Verzierungen. Diese Verzierungen waren meist religiöse Motive. Aber auch chinesische Ornamente und Schriftzeichen waren beliebt. Chinesische Kaiser ließen ihre Insignien darauf anbringen, gerne reich mit Blattgold verziert. Hergestellt wurde die Tusche aus Kiefernruß, Leim, Duft- und später auch Farbstoffen. Später kam dann auch die flüssige Tusche auf, welche auch als Indische Tusche/Indien Ink bekannt ist. Der darin enthaltene Gummilack stammt in der Regel aus Indien, daher die Bezeichnung.

Die Reibetusche wird auf einem Reibestein gerieben und mit etwas Wasser vermischt. Je mehr Wasser man hinzufügt, umso flüssiger wird die Tinte und umso heller wird der Farbton. So lassen sich feinste Schwarz- und Grauabstufungen herstellen.

Der Reibestein ist meist aus Schiefergestein mit einer glatten Oberfläche und mit oder ohne Deckel erhältlich.

Das wichtigste Utensil ist sicherlich der Pinsel, denn bei ihm spricht man auch von der Verlängerung der Kalligraphie-Hand. Entscheidend dabei sind nicht nur die Qualität des Pinsels, sondern auch die Handhabung und Fingerfertigkeit des Schreibenden.

Gute Pinsel werden nur aus Tierhaaren hergestellt wie z.B. Ziegen-, Pferde-, Marder-, Hirsch-, Pony- oder Kaninchenhaar. Aber auch Pflanzenfasern werden gerne genutzt. So z.B. Bambus und Orchidee, da die Fasern dieser Pflanzen sehr langlebig und elastisch sind. Der Stiel ist meist aus Bambusrohr, welcher mit chinesischen Schriftzeichen versehen ist, die den Haartyp angeben. Am Ende befindet sich meist eine kleine Schlaufe. An dieser wird der Pinsel zum Trocknen aufgehängt.

In den letzten Jahren kamen sogenannte Pinselstifte auf den Markt, auch Brush pen genannt. Sie erfreuen sich großer Beliebtheit und sind für den Europäer genau richtig. Für die klassische Chinesische Schriftkunst sind sie jedoch völlig ungeeignet.

Weitere Utensilien sind z.B. ein Pinselständer aus Holz, an welchem die Pinsel an ihren Schlaufen aufgehängt werden. Das ist die ideale Aufbewahrung für die Pinsel, da sich die feinen Haare so nicht verbiegen und gut trocknen können. Während des Schreibens oder Zeichnens kann man den Pinsel zwischendurch auf einer kleinen Pinselbank ablegen. Diese ist oft aus Holz oder Keramik mit asiatischem Dekor.

Auch Papierbeschwerer sind sinnvoll, da sich das dünne Papier immer wieder gern zusammenrollt. An den Ecken drapiert, bleibt das Blatt flach liegen.

Sehr beliebt sind auch die Signier- oder Siegelsteine. Im Idealfall sind diese aus Jade. Hierzulande aber meist aus Qingtian-Stein. Die Siegelschnitzerei hat in China eine lange Tradition. So werden Siegel meistens auch in der chinesischen Kalligrafie und Malerei verwendet. Denn asiatische Künstler signieren ihre Werke meist mit einem Siegel, welches ähnlich wie bei uns der Stempel genutzt wird. Nur dass das Siegel hier kunstvoll in einen Stein graviert wird. Der Kopf des Siegelsteines zeigt das Tierkreiszeichen seines Besitzers. In der Regel nutzt der Asiate mehrere Steine in unterschiedlichen Größen, damit die Signatur sich der Proportion des Bildes anpasst.

In China und Japan besitzt fast jeder einen persönlichen Signierstein. Denn bis heute hat sich die Tradition, Dokumente und Verträge nicht nur zu unterschreiben, sondern auch mit einem persönlichen Siegelstein zu signieren, erhalten.

Haben auch Sie schon erste Erfahrungen mit der Chinesischen Schriftkunst gemacht? Wenn nicht, habe ich Sie vielleicht ein wenig auf den Geschmack gebracht. Probieren Sie es ruhig einmal aus. Setzen Sie sich aufrecht hin und arbeiten Sie ruhig und gleichmäßig und lassen Sie den Geist wachsen.

Wenn Sie mir über Ihre Erfahrungen berichten mögen, würde mich das sehr freuen.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Picasso: „Wenn ich früher in China gelebt hätte, wäre ich anstatt eines Malers ein Kalligraph geworden ".

In diesem Sinne Zhù nǐ hǎoyùn – Viel Erfolg !

Ihre

Kirsten Schmeißer